Blockt meine Blaulichtfilter-Brille wirklich? So testest du es
Du hast eine Blaulichtfilter-Brille im Haus, setzt sie abends vor dem Bildschirm auf, und trotzdem bleibt dieser eine Gedanke im Hinterkopf: Macht das Glas überhaupt etwas? Der Gedanke ist berechtigt. Als ein Forscherteam handelsübliche Brillengläser im Spektrometer vermaß, schwankte die Filterleistung erheblich, und sie hatte weder mit dem Preis zu tun noch mit dem, was auf der Verpackung versprochen wurde (1).
Die gute Nachricht: Du brauchst kein Labor, um dein eigenes Glas einzuordnen. Drei Tests, fünf Minuten, Küchentisch. Denn der Abstand zwischen einem Glas, das wirklich blockt, und einem, das nur so heißt, ist größer als die meisten vermuten. In der bekanntesten Schlafstudie zu diesem Thema ließen die klaren Vergleichsgläser rund 90 Prozent des blauen Lichts durch, die orange getönten nur 35 Prozent (2). Genau diesen Unterschied kannst du sehen, wenn du weißt, worauf du achten musst.
Was „blockt“ bei einem Brillenglas wirklich heißt
In dieser Studie trugen 14 Menschen mit Schlafproblemen jeweils sieben Nächte lang zwei Stunden vor dem Zubettgehen entweder orange getönte Gläser oder klare Placebogläser, danach wurde getauscht. Der aufschlussreichste Punkt steckt schon in den technischen Daten der beiden Gläser: Beim gesamten sichtbaren Licht lagen sie fast gleichauf, 92 Prozent Durchlass beim klaren Glas, 90 Prozent beim orangen. Der Unterschied entstand ausschließlich im blauen Bereich, wo das klare Glas rund 90 Prozent passieren ließ und das orange nur 35 Prozent (2).
Merk dir diese Zahlen, denn sie sind der Maßstab für jeden Selbst-Test: Ein Glas blockt nicht dadurch, dass es alles dunkler macht. Es blockt dadurch, dass es eine bestimmte Farbe herausnimmt und die anderen durchlässt. Und mit genau diesen Gläsern entstand das Ergebnis der Studie: Die Teilnehmer schliefen mit den orange getönten Gläsern nach eigener Aufzeichnung 399 statt 347 Minuten, also rund 52 Minuten länger pro Nacht, objektiv per Bewegungsmessung rund 28 Minuten länger, und ihr Insomnie-Score sank von 88,9 auf 72,6 (2). Ob sich so eine Brille für dich rechnet, haben wir im Beitrag Blaulichtfilter-Brille sinnvoll oder rausgeworfenes Geld im Detail durchgerechnet.
Warum die Verpackung nichts beweist
Jetzt zum unbequemen Teil des Marktes. In der eingangs erwähnten Messreihe wurden Brillengläser über den gesamten Bereich von 350 bis 800 Nanometern durchleuchtet. Einfache getönte Sonnenbrillen aus Polycarbonat blockten dabei 67 bis 99,8 Prozent des violett-blauen Lichts zwischen 400 und 450 Nanometern, während teure Designer-Modelle stark schwankten und einige nicht einmal UV-A zurückhielten. Das Fazit der Autoren fiel deutlich aus: Die Filterleistung passte weder zum Preis noch zu den Werbeaussagen, und sie forderten einheitliche, überprüfbare Angaben (1).
Noch aufschlussreicher ist eine Untersuchung, die fünf handelsübliche Blaulichtfilter-Gläser im Spektrophotometer vermaß und sie anschließend 80 Bildschirmarbeiter einen Monat lang tragen ließ. Rechnerisch senkten diese Gläser die Melatonin-Unterdrückung um gerade einmal 5,8 bis 15 Prozent. Die berechnete Phototoxizität sank immerhin um 10,6 bis 23,6 Prozent. Der verräterischste Befund war aber ein anderer: Über 70 Prozent der Träger bemerkten die optische Veränderung überhaupt nicht (3). Eine zweite, unabhängige Messreihe an vier weiteren Filtergläsern mit Beschichtung oder leichter Tönung kam auf rund 33 Prozent weniger Melatonin-Unterdrückung (4).
Fair bleiben gehört dazu: Klare Filtergläser tun durchaus etwas. Sie nehmen die violette Kante des Spektrums weg, und weil dort für unser Auge kaum Helligkeit sitzt, sieht man von diesem Eingriff nichts. Der Bereich, auf den deine innere Uhr am stärksten reagiert, liegt jedoch weiter im Blauen, rund um 480 Nanometer. Und den bekommt kein Glas heraus, ohne dass es sichtbar wird. Genau daraus wird dein Testverfahren.
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Drei Tests, die du in fünf Minuten machst
Für alle drei Tests gilt dieselbe Technik: Halte das Glas nur zur Hälfte vor die Augen, sodass du im selben Moment einmal hindurch und einmal daran vorbei siehst. Erst dieser direkte Vergleich macht den Unterschied sichtbar.
- Der Weiß-Test. Sieh dir eine weiße Fläche an, ein Blatt Papier oder eine leere weiße Browserseite. Schieb das Glas halb ins Bild. Ein Glas, das ernsthaft blaue Lichtanteile herausnimmt, lässt die weiße Fläche sofort wärmer erscheinen, gelblich bis orange. Bleibt Weiß auf beiden Seiten gleich weiß, filtert dein Glas im entscheidenden Bereich praktisch nichts.
- Die blaue Farbfläche. Lass dir ein sattes Blau bildschirmfüllend anzeigen, zum Beispiel ein leeres Dokument mit blauem Hintergrund. Durch ein echtes Filterglas wirkt dieses Blau deutlich dunkler und matter und kippt ins Graubraune. Durch ein Klarglas leuchtet es fast unverändert weiter.
- Die blaue LED. Dunkle den Raum ab und such dir eine blaue Kontrollleuchte, am Router, an der Steckerleiste oder am Ladegerät. Halte das Glas dazwischen und nimm es wieder weg. Ein echtes Filterglas dämpft den Punkt sichtbar und nimmt ihm den blauen Stich, ein Klarglas lässt ihn so hell wie vorher.
Bestehst du alle drei Tests, hast du ein Glas, das im relevanten Bereich arbeitet. Fällt es bei allen drei durch, trägst du ein normales Brillenglas mit einer Beschichtung, die vor allem die violette Kante wegnimmt. Was der Test nicht liefert, ist eine Prozentzahl, dafür bräuchtest du ein Spektrometer. Für die Kaufentscheidung reicht die klare Ja-oder-Nein-Antwort völlig, denn zwischen „kaum“ und „deutlich“ liegt genau der Abstand, der in der Schlafstudie die beiden Gruppen getrennt hat.
Woran du deine Brille nicht messen solltest
Viele prüfen ihre Brille am falschen Kriterium. Sie tragen sie tagsüber im Büro und schließen aus brennenden Augen um 16 Uhr, dass sie nichts taugt. Eine große unabhängige Auswertung der Cochrane-Gruppe hat 2023 siebzehn kontrollierte Studien zu Blaulichtfilter-Gläsern zusammengetragen und für die Augenbelastung am Bildschirm keinen Vorteil gefunden, ebenso wenig für die Sehschärfe. Beim Schlaf sah es anders aus, dort war das Bild uneinheitlich: Von sechs Studien fanden drei eine Besserung und drei keinen Unterschied (5).
Der Grund wird sofort klar, sobald man sich ansieht, woher müde Augen am Bildschirm überhaupt kommen. Eine Übersichtsarbeit beziffert die Verbreitung auf 50 Prozent und mehr unter Bildschirmnutzern und führt die Beschwerden auf zwei Ursachen zurück: die Dauerbelastung von Scharfstellung und beidäugigem Sehen sowie ein trockenes Auge durch selteneres Blinzeln (6). Dagegen helfen Pausen, eine sauber korrigierte Fehlsichtigkeit und die Pflege des Tränenfilms. Das richtige Prüfkriterium für deine Blaulichtfilter-Brille ist deshalb nicht der Nachmittag, sondern der Abend: Wie schnell kommst du zur Ruhe, wie leicht fällt das Einschlafen, wie ausgeruht stehst du auf?
Wenn deine Brille durchfällt: worauf es beim nächsten Glas ankommt
Drei Punkte entscheiden, und keiner davon steht verlässlich auf der Verpackung:
- Sichtbar orange getönt. Ein Glas, das dem Auge farblos erscheint, kann den Bereich um 480 Nanometer nicht nennenswert dämpfen. Für den Abend brauchst du ein Glas, dem man seine Aufgabe ansieht.
- Ein Abendmodell, kein Bürobegleiter. Die zwei Stunden vor dem Schlafengehen sind die Zeit, in der die Tönung ihren Nutzen bringt. Tagsüber willst du helles Licht sehen und nicht wegfiltern.
- Passform mit Seitenschutz. In der Schlafstudie kamen bewusst gebogene Gestelle im Wraparound-Stil zum Einsatz. Licht, das seitlich am Glas vorbei ins Auge fällt, ist ungefiltert, und daran ändert auch das beste Glas nichts.
Welches Modell zu deinem Gesicht und deinem Abend passt, haben wir im ehrlichen Modell-Vergleich gegenübergestellt. Unsere Abendmodelle findest du gesammelt in der Kategorie Blueblocker-Brille. Und das Schöne daran: Die drei Tests von oben kannst du direkt nach dem Auspacken selbst machen, statt uns oder irgendeinem Etikett glauben zu müssen.
Wann du sie trägst, damit sich der Aufwand auszahlt
Beim Timing ist die Studienlage erstaunlich einheitlich. In der Schlafstudie wurden die Gläser zwei Stunden vor dem Zubettgehen getragen, jeden Abend, sieben Nächte am Stück. Eine klinische Untersuchung aus Japan ließ gesunde Teilnehmer zwei bis drei Stunden vor dem Schlafengehen eine blaulichtblockende Brille tragen und beobachtete nach einem Monat bessere Nüchternblutzuckerwerte, eine bessere Insulinempfindlichkeit und eine bessere Schlafqualität (7).
Praktisch heißt das: Setz die Brille zu einer festen Uhrzeit auf und nicht erst kurz vor dem Licht aus. Kombiniere sie mit dem, was ohnehin nichts kostet, also gedimmtes warmes Licht und weniger Deckenbeleuchtung am Abend. Wie sich der Nachtmodus deines Bildschirms daneben schlägt, klärt der Beitrag Nachtmodus oder Blaulichtfilter-Brille.
Und tagsüber? Licht, das du nicht wegfiltern willst
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Fazit
Ob deine Brille wirklich blaue Lichtanteile blockt, musst du nicht glauben, du kannst es sehen. Halte das Glas halb vor eine weiße Fläche, sieh dir ein sattes Blau am Bildschirm an und schau im dunklen Raum auf eine blaue LED. Verändert sich nichts, hast du ein normales Brillenglas mit Beschichtung vor dir. Kippt Weiß ins Warme und wird Blau matt und dunkel, arbeitet dein Glas dort, wo es zählt. Die Studien, die messbar mehr Schlaf gebracht haben, wurden mit Gläsern der zweiten Sorte gemacht, mit 35 statt 90 Prozent Blau-Durchlass. Wenn du dir also eine Blueblocker-Brille für den Abend aussuchst, entscheidet nicht das Etikett, sondern das, was du in fünf Minuten selbst nachprüfen kannst.
Halte das Glas zur Hälfte vor die Augen und vergleiche im selben Moment durch das Glas und daran vorbei. Drei Tests genügen: eine weiße Fläche (muss sichtbar wärmer werden), ein sattes Blau bildschirmfüllend (muss dunkler und matter wirken) und eine blaue LED im abgedunkelten Raum (muss schwächer werden). Verändert sich nichts, filtert das Glas im entscheidenden Bereich praktisch nicht.
Für den Abend ja. Der Bereich, auf den die innere Uhr am stärksten reagiert, liegt rund um 480 Nanometer, mitten im sichtbaren Blau. Wer den dämpft, verschiebt zwangsläufig den Farbeindruck ins Warme. Ein Glas, das farblos aussieht, kann dort schlicht nicht viel wegnehmen.
Nach einer großen Auswertung von 17 kontrollierten Studien nicht. Müde Augen am Bildschirm entstehen vor allem durch die Dauerbelastung von Scharfstellung und beidäugigem Sehen sowie durch ein trockenes Auge bei seltenerem Blinzeln. Dagegen helfen Pausen, eine korrigierte Fehlsichtigkeit und die Pflege des Tränenfilms.
In der bekanntesten Schlafstudie ließen die wirksamen orange getönten Gläser 35 Prozent des blauen Lichts durch, absorbierten also rund 65 Prozent. Die klaren Vergleichsgläser ließen etwa 90 Prozent passieren. Handelsübliche Filtergläser mit Beschichtung senkten die rechnerische Melatonin-Unterdrückung dagegen nur um 5,8 bis 15 Prozent.
Zwei Stunden vor dem Zubettgehen ist der in Studien geprüfte Zeitpunkt. In einer klinischen Untersuchung wurde die Brille zwei bis drei Stunden vor dem Schlafengehen getragen. Wichtig ist die feste Uhrzeit, nicht erst der Griff zur Brille kurz vor dem Licht aus.
Quellen
(1) Giannos SA, Kraft ER, Lyons LJ, Gupta PK. Spectral evaluation of eyeglass blocking efficiency of ultraviolet/high-energy visible blue light for ocular protection. Optom Vis Sci. 2019;96(7):513-522. pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/31274740
(2) Shechter A, Kim EW, St-Onge MP, Westwood AJ. Blocking nocturnal blue light for insomnia: a randomized controlled trial. J Psychiatr Res. 2018;96:196-202. pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/29101797
(3) Leung TW, Li RW, Kee CS. Blue-light filtering spectacle lenses: optical and clinical performances. PLoS One. 2017;12(1):e0169114. pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/28045969
(4) Teran E, Yee-Rendon CM, Ortega-Salazar J, De Gracia P, Garcia-Romo E, Woods RL. Evaluation of two strategies for alleviating the impact on the circadian cycle of smartphone screens. Optom Vis Sci. 2020;97(3):207-217. pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/32168244
(5) Singh S, Keller PR, Busija L, et al. Blue-light filtering spectacle lenses for visual performance, sleep, and macular health in adults. Cochrane Database Syst Rev. 2023;8(8):CD013244. pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/37593770
(6) Sheppard AL, Wolffsohn JS. Digital eye strain: prevalence, measurement and amelioration. BMJ Open Ophthalmol. 2018;3(1):e000146. pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/29963645
(7) Nagai N, Ayaki M, Yanagawa T, et al. Suppression of blue light at night ameliorates metabolic abnormalities by controlling circadian rhythms. Invest Ophthalmol Vis Sci. 2019;60(12):3786-3793. pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/31504080








